Auf dem 44. ESCRS-Kongress in London stellte Professorin Oksana Vitovska von der Deutschen Augenklinik ein neues internationales Buch über Augenverletzungen im Krieg vor. Sie ist Autorin und Mitherausgeberin des Werks. Es ist eine gemeinsame Arbeit deutscher und ukrainischer Fachleute — die Erfahrungen aus dem großangelegten Krieg wurden erstmals systematisch in einem Band zusammengeführt.

Wie aus einem 90-minütigen Workshop ein Lehrbuch wurde
Die Geschichte begann im März 2025. Oksana Vitovska organisierte gemeinsam mit Dr. Sibylle Scholtz (Deutschland) eine anderthalbstündige Sitzung zur Chirurgie der Augenverletzungen auf dem Kongress Pan Ophthalmologica. Ukrainische Augenärzte berichteten nicht über geschliffene Fallserien, sondern über die Realität: was sie gesehen und getan haben, als sie Kriegsverletzungen der Augen behandelten.
Die Reaktion im Saal war so stark, dass die Organisatoren entschieden: Ein Workshop reicht nicht. Anderthalb Jahre später wurde daraus ein Buch im internationalen Springer-Verlag — mit Autoren aus Deutschland, der Ukraine und Armenien. Eye Injuries in War erschien unter der Herausgeberschaft von Sibylle Scholtz, Lee MacMorris und Oksana Vitovska. Auf dem Kongress wurde die Arbeit unter dem Titel „Eye Injuries in War: Clinical, Surgical, and Humanitarian Perspectives“ präsentiert.
Warum gerade ein solches Buch jetzt gebraucht wird
Der moderne Krieg erzeugt einen anderen Verletzungstyp als jenen, auf den die klassische Augenheilkunde vorbereitet. Die Augenverletzung kommt nicht allein, sondern im Verbund: Auge, Orbita, Gesicht und allgemeine Verletzungen zugleich. Hinzu kommen Explosionsverletzungen, intraokulare Fremdkörper, ein hohes Infektionsrisiko bei verzögerter Behandlung und die Triage bei Massenanfall von Verletzten.
Ein bezeichnendes Detail: Zu den Kapiteln gehört „Bestimmung der Sehschärfe ohne optische Hilfsmittel“. Eine übliche Sehprüfung setzt Praxisraum, Strom und Geräte voraus. In einem Triage-Zelt nahe der Frontlinie gibt es nichts davon — das Ausmaß der Sehschädigung muss dennoch sofort beurteilt werden. Das ist eine eigene Fertigkeit, die die klassische Ausbildung in der Regel nicht vermittelt.

Was das Buch umfasst
- Explosionsverletzungen des Auges und intraokulare Fremdkörper;
- Beurteilung und Triage von Verletzten unter begrenzten Ressourcen;
- Prävention infektiöser Komplikationen bei verzögerter Behandlung;
- rekonstruktive Chirurgie und langfristige Rehabilitation;
- die Geschichte der Kriegsophthalmologie als eigenes Fachgebiet.
Nach der Präsentation beantwortete Professorin Vitovska Fragen von Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Ländern.
Wissen, das nicht verloren gehen darf
Der Grundgedanke des Buches ist pragmatisch: Wissen, das unter Krisenbedingungen entsteht, hält nicht lange, wenn es niemand aufschreibt.
Ukrainische klinische Erfahrung ist heute Teil der internationalen Fachliteratur. Eye Injuries in War ist bei Springer erhältlich.
Über die Autorin
Oksana Vitovska — Doktorin der medizinischen Wissenschaften, Professorin am Lehrstuhl für Augenheilkunde der Bogomolez-Universität, Verdiente Ärztin der Ukraine, Vorstandsvorsitzende der Allukrainischen Allianz der Augenärzte, Autorin von über 240 wissenschaftlichen Arbeiten. Sie behandelt Patienten in der Deutschen Augenklinik.
