Sehnervenatrophie ist ein Zustand, bei dem die Nervenfasern, die das Bild vom Auge zum Gehirn übertragen, allmählich absterben und sich nicht erholen. Es handelt sich um ein neuroophthalmologisches Problem an der Grenze zwischen Augenheilkunde und Neurologie und erfordert daher eine sorgfältige Diagnostik, um die wahre Ursache zu finden und die verbliebene Sehkraft zu erhalten.
Was Sehnervenatrophie ist
Der Sehnerv ist ein „Kabel“ aus etwa einer Million dünner Fasern, das Signale von der Netzhaut zum Gehirn überträgt. Wenn diese Fasern geschädigt werden und absterben, wird der Nerv blass und dünner, und die Sehsignale gelangen schlechter oder gar nicht mehr ans Ziel. Im Gegensatz zu vielen anderen Augenerkrankungen lassen sich bereits abgestorbene Fasern nicht wiederherstellen — deshalb nennt man die Atrophie irreversibel. Eine rechtzeitige Behandlung der Ursache kann jedoch oft den weiteren Verlust stoppen und das erhalten, was noch funktioniert. Die Atrophie ist keine eigenständige Krankheit, sondern die Folge eines anderen Prozesses, der den Nerv geschädigt hat.
Ursachen
- Glaukom — ein langanhaltend erhöhter Augeninnendruck zerstört die Nervenfasern langsam.
- Eine durchgemachte Sehnerventzündung (Optikusneuritis), auch im Rahmen einer Multiplen Sklerose.
- Ischämie — gestörte Durchblutung des Nervs (anteriore ischämische Optikusneuropathie), häufig bei Menschen mit Bluthochdruck, Diabetes oder Atherosklerose.
- Kompression — Druck auf den Nerv durch einen Tumor, ein Aneurysma oder eine andere Raumforderung im Schädel oder in der Augenhöhle.
- Erbliche Erkrankungen — zum Beispiel die Leber’sche hereditäre Optikusneuropathie oder die Kjer-Atrophie.
- Toxische und mangelbedingte Ursachen — Methanolvergiftung, bestimmte Medikamente, Tabak, Alkoholmissbrauch, Vitamin-B12-Mangel.
- Verletzungen von Kopf und Augenhöhle sowie Folgen durchgemachter Infektionen.
Symptome
- Anhaltende Verschlechterung der Sehschärfe, die sich nicht mit einer Brille korrigieren lässt.
- Einengung oder Ausfälle von Bereichen des Gesichtsfelds („blinde Flecken“, Gefühl von „Scheuklappen“).
- Gestörtes Farbsehen — Farben wirken matt, besonders Rot.
- Verschlechtertes Sehen in der Dämmerung, verminderte Kontrastempfindlichkeit.
- Manchmal Schmerzen bei Augenbewegungen (wenn die Ursache eine Entzündung ist).
- Bei der Untersuchung sieht der Arzt die charakteristische Blässe der Sehnervenpapille.
Warum es sich um einen neuroophthalmologischen Zustand handelt
Der Sehnerv ist praktisch ein zum Auge hin verlagerter Teil des Gehirns. Deshalb kann seine Schädigung nicht nur auf ein Augenproblem, sondern auch auf ein neurologisches Problem hinweisen: Multiple Sklerose, einen Hirntumor, eine Gefäßstörung oder eine erbliche Erkrankung. Herauszufinden, wo genau die Sehbahn „unterbrochen“ ist und was das für den gesamten Körper bedeutet, kann ein Neuroophthalmologe — ein Arzt, der an der Grenze zwischen Augenheilkunde und Neurologie arbeitet. Er entscheidet, ob zusätzliche Untersuchungen des Gehirns und Konsultationen bei verwandten Fachärzten nötig sind.
Diagnostik
- Prüfung der Sehschärfe und Tests zum Farbsehen.
- Perimetrie — Kartierung der Gesichtsfelder zur Erkennung von Ausfällen.
- Untersuchung des Augenhintergrunds (Ophthalmoskopie) — Beurteilung von Blässe und Rändern der Sehnervenpapille.
- OCT (optische Kohärenztomographie) — präzise Messung der Dicke der Nervenfaserschicht.
- MRT von Gehirn und Augenhöhlen — Suche nach Tumoren, Entzündungen oder Demyelinisierungsherden.
- Visuell evozierte Potenziale — Beurteilung der Leitungsgeschwindigkeit des Signals im Nerv.
- Bei Bedarf Bluttests — zum Ausschluss von Infektionen, Mangelzuständen sowie entzündlichen und erblichen Ursachen.
Behandlung
Die Behandlung der Atrophie richtet sich vor allem gegen die Ursache: Senkung des Augeninnendrucks beim Glaukom, entzündungshemmende Therapie bei einer Neuritis, Behandlung der Gefäßfaktoren bei Ischämie sowie Entfernung oder Beobachtung eines Tumors bei Kompression. Ziel ist es, den weiteren Verlust von Fasern zu stoppen und die verbliebene Sehkraft zu erhalten. Zusätzlich werden Mittel zur Unterstützung der Durchblutung und des Stoffwechsels des Nervs eingesetzt, bei erblichen Formen spezielle Medikamente und eine Rehabilitation für Sehbehinderte. Der Schlüssel zum Erfolg ist eine frühe Vorstellung: Je schneller die Ursache gefunden und beseitigt wird, desto mehr Fasern lassen sich retten. Verzögerung führt zu einem irreversiblen Sehverlust.
Wann Sie dringend einen Arzt aufsuchen sollten
Suchen Sie sofort Hilfe, wenn sich Ihr Sehen innerhalb von Stunden oder Tagen plötzlich verschlechtert, ein „Vorhang“ oder ein Ausfall in einem Teil des Gesichtsfelds auftritt, Schmerzen bei Augenbewegungen, Doppelbilder oder eine plötzliche Störung des Farbsehens auftreten. Ein plötzlicher Sehverlust ist ein Notfall, hinter dem eine Ischämie, eine Entzündung des Nervs oder eine Raumforderung im Gehirn stecken kann. Jede Stunde kann darüber entscheiden, wie viel Sehkraft sich erhalten lässt.
Deutsche Augenklinik, Telefon 0 800 507 670, Seite der Leistung „Konsultation beim Neuroophthalmologen“.